Von Blitz / Duck
Ein Briefwechsel aus der Mitte des zwanzigsten Jahrhunderts
Zur Vorbereitung auf das Mairennen 2004
"Mit wahrem Genuß und unter den wohltätigsten Einwirkungen lebe ich hier in Ihren herrlichen Gegenden, was einem armen Berliner wohl einmal zu gönnen ist; sehnsüchtig sehe ich jeden kleinen Weinberg von Loschwitz an, ob er sich nicht eigne, daß man sich darauf einmal aus dem gehetzten Leben zurückziehen könne." (Karl Friedrich Schinkel, 1829)
Editorische Notiz
Im folgenden dokumentieren wir den Briefwechsel zwischen Babette von Blitz und ihrer Kusine Dorette Duck. Bedingt durch die erzwungenen häufigen Wohnungswechsel der Familie von Blitz ist nur ein Bruchteil der von Dorette Duck und den zeitweise auf ihrem Hof lebenden Familienmitgliedern verfaßten Korrespondenz erhalten. Ob die lediglich sporadisch überlieferten Briefe vor allem aus der südamerikanischen Zeit der Familie von Blitz Zeichen von deren erlahmender Schreibfreudigkeit sind oder ob auch hier eine nennenswerte Zahl von Nachrichten verlorengegangen ist, kann derzeit nicht entschieden werden. Die Abstände zwischen den einzelnen Briefen sind zu groß, als daß aus deren Inhalten Rückschlüsse auf etwaige weitere Schreiben getroffen werden könnten.
Babette von Blitz, geborene Braungans heiratete 1935 den Kaufmann Berthold von Blitz, Abkömmling eines alten schlesischen Adelsgeschlechts. Die Ehe wurde zwei Jahre darauf um die obligatorischen Drillingsneffen bereichert: Bodo, Benno und Bruno. 1938 zog die Familie nach dem Tod des Erbonkels von Berthold von Blitz auf den Familienstammsitz nahe des oberschlesischen Oppeln. Babette von Blitz engagierte sich hier in der Armenfürsorge und leitete die örtliche Kreuzstrickclique. Vor dem Einmarsch der Roten Armee floß die Familie im Januar 1945, das Familiengut wurde als Junkerbesitz im Herbst 1945 enteignet. Über Görlitz und Bautzen gelangten die von Blitz Anfang März ins zerstörte Dresden, wo die entfernt mit den Braungans verwandte Linie der Giergans wohnte. Nach anfänglicher Unterbringung in einer vielfach überbelegten ehemaligen Beamtenwohnung im Ortsteil Gruna siedelten die von Blitz 1946 in eine eigene Wohnung im Vorort Loschwitz um. Dort etablierte sich die Familie durch neue Aktivitäten in diversen Ortsvereinen, Berthold von Blitz nahm eine Stelle als Raubtierbändiger im Zirkus Sarrasani an. Als die Pressionen gegen die adligen von Blitz Anfang der fünfziger Jahre wieder zunahmen, siedelte die Familie erst für kurze Zeit nach Entenhausen über, bevor sie nach Lateinamerika emigrierte. Einzig Bodo von Blitz blieb in der ehemaligen Heimat zurück, um dort seinem von ihm bewunderten Vater nachzueifern. Nach Aufenthalten in Mexiko, Hondurica, und Brasilien fand schließlich die Wanderung der vier verbliebenen von Blitz im Jahr 1959 ein Ende, als Berthold von Blitz auf Anraten seiner Frau eine Rinderfarm in Nordargentinien erwarb, die von der Familie heute noch bewirtschaftet wird.
Der Herausgeber dankt Dorette Duck für die Bereitstellung der Korrespondenz von Babette von Blitz und den Brüdern Benno und Bodo von Blitz für die eifrige Suche nach erhaltenen Briefen seitens der Familie Duck. Die Orthographie der Mitteilungen wurde behutsam den heute üblichen Schreibweisen angepaßt.
Entenhausen, den 22. Februar 2004 Eitel Friedrich Eidergans
Postkarte von Dorette Duck an ihre Kusine Babette von Blitz,
8. August 1935
Liebste Babette,
jetzt ist Eure Hochzeit schon wieder drei Wochen her, und Ihr seid in Schlesien auf Schloßbesichtigung. Ist es toll? Es wurde ja auch Zeit, daß wieder mal jemand aus unserer Familie auf einen Herrensitz gelangt. Schreib bald, ich bin zu neugierig!
Deine Dorette.
Brief von Babette von Blitz an ihre Kusine Dorette Duck,
8. September 1935
Liebe Dorette,
es ist ein Traum. Die Vorstellung, einmal hierherziehen zu können, wenn Bertholds Onkel Balthasar dereinst das Zeitliche segnen wird, ist berauschend, aber der alte Herr wird es sicher noch ein, zwei Jahrzehnte aushalten. Wäre ja sonst auch schlimm. Allerdings ist der alte Herr doch etwas wunderlich, hält ein ganzes Rudel russischer Rauhhaarrollmöpse, die er verzweifelt versucht, für die Entenjagd abzurichten. Statt aufzugeben, kauft er nach jedem gescheiterten Versuch ein neues Tier, weil er die mißratenen Viecher nicht wieder weggeben kann. "Das ist doch reinster Hundeadel", erklärte er mir, "also faktisch Verwandtschaft." Naja, diese Leute haben ja alle einen schweren Zacken. So richtig als eine "von" fühle ich mich nicht, da geht Deine Hoffung wohl ins Leere. In zwei Wochen geht es zurück ins gute alte Entenhausen. Bei aller schlesischen Schönheit freue ich mich doch auf unsere Wiederkehr. Sei bis dahin herzlich gegrüßt und knuddele den lieben kleinen Donald recht kräftig von
Deiner Babette und seiner Tante
P.S.: Eine Fotografie des Anwesens lege ich bei. (leider nicht erhalten, Anm. des Hrsg.)
Brief von Babette von Blitz an ihre Kusine Dorette Duck,
14. März 1939
Liebste Retti,
der Winter hier ist höllisch. Das hätte ich mir nicht träumen lassen. Vor vier Jahren hatte ich das Gut nur im Sommer gesehen, und alles war schönste Natur. Nun herrscht allein das harte Naturgesetz. Wir sind seit zwei Wochen wieder eingeschneit, und wann dieser Brief an Dich expediert werden kann, wissen die Götter. Berthold wird ganz unruhig, weil er nicht nach den Tieren sehen kann, denn selbst der Weg zum Stallungsgelände ist jeden Morgen von neuem zugeschneit, und deshalb kümmern sich die dort nächtigenden Knechte allein um das Viehzeug. Du würdest es lieben hier: Kühe, Ziegen, Schweine, Hühner, alles wie bei Dir, aber um den Faktor fünfzig bis hundert vermehrt. Was allerdings zur Folge hat, daß wir die Namen der Tiere immer noch nicht kennen; vielleicht haben sie gar keine. Die Jungs sind ganz aus dem Häuschen, wie sie mit ihren zweieinhalb Jahren bereits alles munter durcheinanderbringen, ist zu niedlich - und manchmal auch zu schrecklich.
Wie geht es Donald? Ist er immer noch das Opfer des perfiden Gustav? Du solltest ihn mal an den Ohren ziehen, auf daß er meinen Liebling in Ruhe lasse. Ich verstehe aber auch dieses böse Naturell nicht. Gerlinde, die wir auf der Fahrt nach hier im Herbst besucht hatten, ist die Güte selbst. Aber die Verwandtschaft ist ja auch nicht allzu nahe, obwohl bereits zu fürchten steht, daß ausgerechnet Gustav wohl Erbe von Gerlinde werden dürfte. Doch ich habe natürlich gar keinen Grund, anderen ihre Erbschaft zu neiden, wo wir es so gut getroffen haben. Wann kommst Du einmal hierher? Bisweilen vermisse ich das große Entenhausen sehr - und selbstverständlich auch den kleinen Hof. Laß Dich nicht allzuhäufig bitten. Berthold ist besonders wild auf Deinen Besuch, weil er so große Stücke auf den Talent im Umgang mit Tieren hält. Du siehst, Du wärest mehr als herzlich willkommen. Auf, auf, Richtung Sonne, Richtung Freiheit. Aber so etwas sollte man heute ja wohl nicht mehr schreiben.
Halt die Ohren steif, mir sind sie ohnehin festgefroren,
Babette
Brief von Dorette Duck an ihre Kusine Babette von Blitz,
2. September 1939
Liebste Betti,
wie sieht denn von Eurer Warte die neueste Entwicklung aus? Ihr seid ja bedenklich nahe, jedenfalls aus Entenhausener Sicht. Der Verrückte war wohl nicht zu belehren. Paßt auf, am Ende büßt Ihr das, denn wenn irgendwas schiefgeht, steht der Pole in Eurem Garten.
Hier ist sofort rationiert worden, und Dagobert macht Bombengeschäfte mit Verkauf unter der Hand. Etwas peinlich ist, daß er nur einen Bruchteil für die Haushaltsführung hier auf dem Hof freigibt. Dabei profitiert er doch von den Sachen, die wir erzeugen. Donald ist eine große Hilfe - naja, eher eine kleine, weil er zwar rührend bemüht ist, aber leider zwei linke Hände hat. Heute morgen ist ihm die Zunge in den Rührfix gekommen. Ich hätte fast gelacht, aber das hat Gustav schon erledigt, der gerade für ein paar Tage zu Besuch ist (vermutlich will sein Onkel nur von der günstigen Versorgungslage bei mir profitieren). Der Bengel sollte daraufhin zur Strafe in die Besenkammer, aber darin saß schon der arme Donald. Ich habe ihn immer noch nicht herauslocken können. Was soll bloß aus dem Jungen werden? Ich hoffe, Deine drei machen mehr Hoffnungen.
Trotz allem unverzagt grüßt Dich
Dorette
Benachrichtigung von Babette von Blitz an ihre Kusine Dorette Duck,
6. Februar 1945
Dorette,
wir mußten fliehen. Näheres bald. Sind in Bautzen, wollen zu den Giergans nach Dresden, aber Bahnlinie ist kaputt und Kälte verhindert Weiterzug. Haben nur das nackte Leben retten können. Sobald wir feste Adresse genommen haben, kommt neue Nachricht. In Eile
Babette
Brief von Babette von Blitz an ihre Kusine Dorette Duck,
29. März 1945 (laut Poststempel erst abgeschickt aus Leipzig am 17. Mai 1945, Anm. des Hrsg.)
Liebe Dorette,
wir sind in Dresden. Ihr macht Euch keine Vorstellung, wie es hier aussieht. Und da dachte ich, wir haben es schlecht. Gottseidank sind die Amerikaner auf dem Weg hierher und nicht der Russe. Das hätte gerade noch gefehlt, jetzt noch weiterziehen zu müssen. Die Giergans haben uns so rührend aufgenommen, und der Blockwart will uns einer alten Dame weiterempfehlen, die vielleicht Quartier bieten kann mit zwei eigenen Zimmern. Vor nicht einmal einem Vierteljahr hatten wir noch achtzehn, aber da haust jetzt der Iwan. Wie geht es in Entenhausen? Wer marschiert denn da ein? Auf dem Land müßte es ja eigentlich ruhiger zugehen als in der Stadt. Ich bin übrigens ausgehungert nach Deinen Briefen; seit Weihnachten bin ich ohne Nachricht. Hoffentlich ist das ein gutes Zeichen. Schreib bald.
Deine Babette
Brief von Dorette Duck an ihre Kusine Babette von Blitz,
31. Mai 1945
Liebe Betti,
seid Ihr jetzt in Leipzig, oder hast Du es vor dem Zusammenbruch nicht mehr geschafft, den Brief abzusenden. Jedenfalls geht dieses Schreiben jetzt an die Giergans, und die werden es Dir gewiß nachsenden, falls Ihr schon wieder weiter seid. Zu gönnen wäre es Euch ja, denn bis Dresden sind die Amis nun ja doch nicht gekommen, aber in Leipzig hättet Ihr sie am Hals, und das ist sicher besser als die Russen an den Röcken.
Hier ist alles geradezu verdächtig unverändert. Auf dem Hof hat sich niemand Fremdes blicken lassen, nur die Entenhausener kommen natürlich in Scharen, um Nahrungsmittel zu ergattern, und das immer nachts, weil sie dann durch die Kontrollen schlüpfen können. Gestern wurde mir Hendrieke geklaut, meine liebste Legehenne, aber Dagobert und Franz, ein Flüchtlingsjunge, den ich kurz vor Weihnachten aufgenommen habe, verfolgen die Übeltäter. Dieser Franz würde Dir gefallen, auch wenn er seit seiner Ankunft nicht mehr aufgehört hat zu essen und bald doppelt so schwer geworden ist. Wenn Dagobert wieder in die Stadt zurückgeht, wird Franz mir eine große Hilfe sein.
Laß mich bitte sehr schnell Deine neue Adresse wissen, oder kommt doch einfach hierher. Was wollt Ihr schon in Sachsen? Fest die Daumen drückt Euch
Dorette
Auch von mir, liebe Tante Betti, alles Gute. Dein Donald.
P.S.: Ist seine Schrift nicht schön geworden? Er ist übrigens jetzt bei den Pfadfindern. Oder ehrlicherweise: Er bewirbt sich gerade um Mitgliedschaft.
Brief von Babette von Blitz an ihre Kusine Dorette Duck,
19. Oktober 1946
Liebste Retti,
wenn Du diesen Brief erhältst, sollte es mich wundern. Deshalb fällt er auch so kurz aus. Du machst Dir keine Vorstellung, wie der Russe hier schlampt. Von drei Briefen, die ich in den letzten Wochen in die Stadt abgeschickt habe, ist bis heute keiner angekommen, wie mir Gerlinde erzählt hat, die zwei davon hätte bekommen sollen und die Empfängerin des dritten gerade erst getroffen hatte, als sie hierher zu Besuch kam. Wenn man auf dem Postamt fragt, heißt es, die Armeelastwagen, die allen Verkehr zwischen Stadt und Loschwitz befördern, würden aufgrund der mangelhaften Pflasterung der Straßen bisweilen den einen oder anderen Postsack verlieren. Das wäre den guten alten Landbriefträgern nicht passiert! Aber in deren Lied war ja auch immer nur vom Marsch die Rede, nie von einer Fahrt. Den Reim müßte man jetzt wohl so fassen: "Wir sind am Arsch so wie noch nie, die Post versagt, trara, trari." Will Donald immer noch zu diesem Haufen? Halte ihn davon ab, und laß ihn lieber etwas lernen, bei dem er nicht auf die Hilfe der Alliierten angewiesen sein wird. Beamter mit Pensionsberechtigung? Daß ich nicht lache. Ich weiß ja nicht, wie es im glücklichen Entenhausen steht, aber hier steigen die Preise derart, daß keine Pension für die Rationen hinreichen dürfte. Aber für Briefmarken wird es immer noch reichen. Darum laß schnell hören, ob Dich diese Zeilen erreicht haben. Dann mehr von Deiner
Betti.
Postkarte von Dorette Duck an ihre Kusine Babette von Blitz,
3. November 1946
Liebe Babette,
Dein Brief vom Oktober ist zuverlässig hier gelandet, nur die Ränder waren etwas durchweicht, als hätte er die Elbe durchschwimmen müssen. Bist Du denn immer noch in Ostelbien? Wo ist dieses Loschwitz, von dem Du sprichst? Deshalb jetzt auch nur eine Karte, denn wenn die alte Adresse nicht mehr stimmt, wird sie wohl nie ankommen, und dann wäre rares Schreibpapier verschwendet. Gib bitte rasch Nachricht Deiner
Dorette
Brief von Babette von Blitz an ihre Kusine Dorette Duck,
5. Dezember 1946
Liebste Dorette,
verzeih, das war schusselig, daß ich die Adresse vergessen habe. Wir waren Mitte September umgezogen, weil man uns hier ein Zimmer zugewiesen hat, in dem es nicht durchregnete wie noch unter dem Dach der Beamtenwohnung in Gruna. Hier, das ist der kleine Vorort Loschwitz, noch zu Dresden gehörig, aber etliche Kilometer elbaufwärts. Dadurch muß man das Elend der Ruinen nicht täglich sehen, obwohl auch hier einiges an Bomben herabgekommen ist und Richtung Pillnitz mindestens ein Dutzend Häuser in Trümmern liegt, darunter auch die kleine Kirche und das Schulhaus. Als wir einzogen, fragten wir, wo denn Bodo, Benno und Bruno eingeschult würden (wir fürchteten, sie müßten jeden Tag nach Dresden laufen), aber es erwies sich, daß genau hinter dem Trümmerhaufen des Schulhauses, gleich in der ersten Parallelstraße zur Elbe noch eine weitere Lehranstalt lag, die alles unbeschadet überstanden hat: die Schillerschule. Der Schulweg beschränkt sich damit auf drei Minuten, wenn die beiden Rangen aus der Tür gehen, halten sie sich rechts, überqueren die Kreuzung und gehen hangabwärts, biegen dann links ab und sind schon in der richtigen Straße. Nach wenigen hundert Metern ist das Ziel erreicht, und wenn Bodo, wie Benno und Bruno erzählen, nicht immer am Spritzenhaus stehenbliebe, um zu gaffen, könnten sie beinahe unmittelbar vor Unterrichtsbeginn aufbrechen. Man setzt in der Schillerschule sehr auf regionaltypische Fächer, so etwa landwirtschaftlichen Unterricht (Loschwitz hat eine alte Wein- und Obstanbau-Tradition). Berthold ist natürlich ganz begeistert, weil er Bodo schon wieder an der Spitze der Gutsverwaltung sieht, aber sei sicher, liebe Dorette, unser Schloß ist verloren, das rückt der Pole nie mehr heraus.
Die Schule wird übrigens geleitet von einem Studienrat Streicher, der sich immer noch in eine todschicke Uniform hüllt, von der man nicht gedacht hätte, daß man sie jemals wiedersehen müßte. Entschuldigt sich damit, er habe nichts anderes übers Kriegsende gerettet. Er behandelt die Eltern sehr von oben herab, von wegen, er erwarte, daß dem Lernfortschritt der Kinder nichts in den Weg gelehrt werde u. ä. Klingt ganz wie über tausend Jahre hinweg. Der macht es hier sicher nicht lange, der örtliche "Sowjet" hat ihn auch schon auf dem Kieker. Streicher tönt aber, er hätte Verwandtschaft in - halt Dich fest - Entenhausen, und Schillerschulen gebe es überall, also könne er jederzeit gehen. Paß auf, der wird bald die Deinen kujonieren, und solche Gesellen machen nicht eher Halt, als bis sie den ganzen Laden leiten.
Unsere Adresse lautet Grundstraße 24. Das ist ziemlich nahe am Ortskern, in einem kleinen Häuschen, dem leider von den direkt dahinter ansteigenden Höhen ("Grund" meint hier Tal) viel Morgensonne genommen wird. Aber die Leutchen hier fühlen sich wohl, haben auch nicht viel Einquartierung erleiden müssen. Früher war das eine beliebte Sommerfrische für die Dresdner. Neben unserer Bleibe steht ein prachtvolles, allerdings auch etwas skurriles gelbes Fachwerkhaus und in dessen Garten steht noch ein Denkmal für einen von den Sommergästen, der hier alle Jahre seine Retraite nahm und der mit allem Recht von sich hätte sagen können: "Nie war ich mit solcher Genugtuung Richter wie in Loschwitz." Ich hoffe nur, daß bei uns das dicke Ende nicht nachkommt, bisher läßt sich alles sehr gut an. Nur die Kälte setzt in diesem Jahr früh ein. Wenn das so weiter geht, wird es hart. Wie geht es Euch? Auf Antwort lauert Deine
Babette
Brief von Donald Duck an seine Tante Babette von Blitz,
15. Dezember 1946
Liebe Tante Betti,
zum Weihnachtsfest wünsche ich Dir alles Gute. Wir haben sehr gestaunt, wie nahe es die drei kleinen B's zur Schule haben. Hier dauert der Weg so lange, daß ich häufiger einmal zu spät komme, zumal der Schnee Omas Bauernhof mittlerweile fast abgeschnitten hat. Aber auch bei Euch scheint es ja bitterkalt zu sein. Die Kerzen am Baum sollen Euch wärmen, Wir verteidigen gerade nächteweise die Fichtenschonung gegen städtische Übergriffe, von denen wir nicht wissen, ob sie dem Festtagsbaum oder schnödem Brennholz dienen würden. Onkel Dagobert verdient sich eine goldene Nase beim täglichen Verkauf. Aber das wird Dich wenig wundern. Jetzt hat er sich noch eine Ladung alter Wehrmachtsbestände gesichert, sie in der alten Scheune bei Gutenfürst gelagert und dort ein Warnschild aufgestellt: "Niemand vergreift sich an Heeresgut, solange Dagobert Duck lebt". Das ist bei uns schon zum geflügelten Wort geworden. Hoffentlich kommt Ihr bald mal wieder vorbei. Schöne Grüße von
Deinem Donald.
Postkarte von Babette von Blitz an die Familie ihrer Kusine Dorette Duck,
16. Dezember 1946
Meine lieben Entenhausener,
zum Weihnachtsfest erreichen Euch meine besten Wünsche. Jetzt haben wir schon neun Jahre nicht mehr gemeinsam gefeiert, aber den schönen Brauch der Festtagskorrespondenz halten wir aufrecht. Für das kommende Jahr wünsche ich Euch allen Gesundheit und mir ein schnelles Wiedersehen. Bald mehr von Eurer
Babette (und von Berthold, Bodo, Benno und Bruno)
Brief von Babette von Blitz an ihre Kusine Dorette Duck,
8. Februar 1947
Liebe Dorette,
ich vermute, auch bei Euch ist die Zeit schlimm, aber der Hof wird sicher noch die eine oder andere Reserve verborgen halten, wo bei uns gähnende Leer in der Speisekammer (hätte man nur eine!) herrscht. Dabei ist es in Loschwitz noch vergleichsweise leicht, an Lagerobst oder ähnliches zu kommen, während in Dresden, wie Gerlinde erzählte, schlichtweg gehungert wird. Der Weg aus der Stadt zu uns hat sich merklich verkürzt, denn die Elbe ist zugefroren, und es gibt markierte Wege übers Eis, durch die man die große Schleife des Flusses abkürzen kann - wenn man denn mag. Ich mags nicht, denn von jedem Menschen, dem man begegnet, wird man gefragt, ob man nicht etwas zu verkaufen hätte. Wenn man dann antwortet, hören die Fragenden am Tonfall der Kinder, wo man herkommt und schimpfen uns Junker oder Schlimmeres. Dann lieber hier im Dorf in der Stube, die immerhin warm ist, weil wir jeden Morgen ganz früh, wenn es dem Posten zu kalt geworden ist, direkt am Hang hinter der Grundstraße auf Holzsuche ausgehen können (da ist schön terrassiert) und auch fündig werden.
Bodo, Benno und Bruno sind schwierig von der Elbe abzuhalten, aber ich erzähle ihnen immer von einer lokalen Überlieferung aus dem späten vorletzten Jahrhundert, als gleichfalls bei zugefrorenem Fluß die Schollen aufbrachen und zwei Männer nur knapp mit dem Leben davongekommen sind, weil ein Ortsansässiger sie herausgezogen hat. "Eisbruch-Joseph" haben ihn die Loschwitzer getauft, weil er sich wohl bei solchen Aktionen öfters ein kleines Zubrot verdiente: Erst wies er Fremden über die dünnen Eisstellen den Weg, und dann zog er sie heraus. Dessen Sohn hat ihm dafür schon vor achtzig Jahren ein Denkmal in Form eines kleinen Tempels errichtet, dessen Reliefplatte den schönsten Anschauungsunterricht über die Gefahren des Eisfischens erlaubt, wenn man die klassizistisch knappe Bekleidung in Winterszeiten wohl auch nicht ganz für bare Münze nehmen darf. Da muß man die Kinder, die ja alles sofort so wahrhaftig wie möglich nachzuspielen pflegen, wieder bremsen, damit sie nicht in Bettlaken gehüllt im Garten "Menschenfreund" spielen.
Traumhaft ist unsere Brücke hier, da können sich Bilgenbucht und ähnliches verstecken! Die Hiesigen nennen sie "Blaues Wunder", aber von dem Anstrich, der dem Stahlgebirge diesen Namen verschafft hat, ist nicht mehr viel zu sehen, denn seit den dreißiger Jahren gab es keine Farbe mehr, weil alle chemischen Betriebe nur Tarnfarben herstellen durften. Einen Anstrich hätte das Wunder bitter nötig, aber niemand kann das schnell und kostengünstig erledigen, so daß das Bauwerk immer mehr zum "Grauen Wunder" regrediert.
Brief von Babette von Blitz an ihre Kusine Dorette Duck,
30. Juni 1947
Liebe Retti,
der Sommer ist sehr groß. Am letzten Wochenende waren wir zu fünft auf den Weißen Hirsch gefahren, das ist der Ortsteil über uns, wo man mit einer Seilbahn hingelangt, die mittlerweile wieder in Betrieb genommen worden ist. Du glaubst nicht, wie schön es hier sein kann. In den Elbauen lassen an den ersten Frühlingstagen die Kinder Drachen steigen, und zur Stadt hin üben sich jetzt die Bogenschützen an hohlen Bäumen, die wie ein Wunder das winterliche Holzmachen überstanden haben (falls sie nicht dadurch erst zu hohlen Bäumen gemacht worden sind). Noch am selben Tag sind wir dann nach Pillnitz spaziert, einem zauberhaften orientalisch angehauchten Schloß, das August der Starke direkt an der Elbe hat errichten lassen. Im Park findet sich die größte Kamelie Europas, zweihundert Jahre alt und gigantisch. Wenn die Ferien endlich anfangen, wollen wir die Sächsische Schweiz erwandern, die den Bildern zufolge ganz dem Gebiet um die Satanszacke gleicht. Nur leichter zu erklettern.
Berthold hat endlich Arbeit gefunden, nachdem man ihm seinen Namen lange verübelt hat. Aber seine Geschicklichkeit im Umgang mit Tieren hat ihm den Weg zum hier ansässigen Zirkus Sarrasani geebnet, wo er nun Pfleger ist, mit der Option auf eine Beschäftigung als Dompteur, wenn er sich bewährt. Das wäre doch auch für Dich eine Karriere.
Mit besten Grüßen,
Deine Babette
Brief von Babette von Blitz an ihre Kusine Dorette Duck,
2. Oktober 1952
Liebe Dorette,
es ist nicht mehr auszuhalten hier. Wir gehen fort. Verrate es noch niemandem, denn der Antrag ist noch nicht genehmigt, aber wenn sie es uns verweigern, gehen wir bei Nacht und Nebel. Das wird auch der letzte Brief sein, den Du vor unserer Ausreise erhältst, denn ich wage ihn nur zu schreiben, weil Gerlinde ihn privat nach Entenhausen befördern kann, wo sie Gustav besuchen will, der doch mehr und mehr ihr Liebling zu werden scheint. Schreib Du mir bitte auch nicht, denn wie schnell läßt man im trauten Korrespondieren eine unachtsame Bemerkung fallen, und hier würden sie alles nutzen, um uns zu schaden. Von Briefzensur munkelt man ohnehin. Halte uns den Daumen, oder besser alle beide. Wir können es brauchen!
Deine Betti
Postkarte von Babette von Blitz an ihren Neffen Donald Duck,
13. Dezember 1954
Mein lieber Donald,
wie lebst Du Dich im eigenen Hausstand ein? Stimmt es, daß Du Dellas Rangen bald aufnehmen sollst? Laß Dir aus Erfahrung sagen, daß das kein Honigschlecken wird. Zunächst aber möchte ich Dir schöne Weihnachten wünschen. Und dann mitteilen, daß wir jetzt in Mexiko angelangt sind. Näheres erfährst Du aus einem Brief, den ich Dorette schreiben werde. Sei umarmt (wenn Du das von einer alten Tante noch duldest).
Deine Tante Betti
Brief von Babette von Blitz an ihre Kusine Dorette Duck,
15. Dezember 1954
Liebe Dorette,
nun endlich etwas Näheres zu unserem derzeitigen Aufenthalt. Aber laß Dir zunächst für die monatelange Gastfreundschaft bei Dir danken. Natürlich wäre ich gerne ganz dort geblieben, aber Berthold ist zu verbittert, und hier ist ein neuer Anfang leichter. Irgendwo werden wir eine Farm finden, wen nicht hier in Mexiko, dann vielleicht weiter südwärts. In die Vereinigten Staaten lassen sie uns derzeit nicht hinein.
Wir wohnen nahe bei Acapulco, aber das klingt besser als es ist und geht auch schon wieder dem Ende zu. Denn ein anderer Übersiedler erzählte uns von der Schönheit Honduricas, und so wollen wir südwärts ziehen, wenn man uns im Land dulden würde. Auf der Überfahrt hatten wir den Eindruck, man begegnete uns mit größtem Mißtrauen, aber seit der Landung und erst recht nach dem ersten Umzug in unser jetziges Domizil haben sich alle Einheimischen als äußerst freundlich erwiesen.
Natürlich leben wir von der Hand in den Mund, und damit Du das nicht direkt zum Anlaß nimmst, uns über das von Dir schon Geopferte hinaus weiter zu unterstützen, verschweige ich Dir sowohl unsere aktuelle wie gegebenenfalls die neue honduricanische Adresse, damit wir lernen, wieder auf eigenen Füßen zu stehen. Mit Bodos Heranführung an die Gesellschaft werdet Ihr ja genug Aufwand betreiben müssen, wenn sich sein Benimm nicht wesentlich geändert haben sollte. Also muß ich erst einmal auch auf Nachrichten aus Entenhausen verzichten, aber bei aller Liebe zum alten Ort gibt es hier derart viel Neues, daß ich keine Angst vor Heimweh habe.
Es grüßen Dich sehr herzlich die Meinen und vor allem selbstverständlich ich,
Deine Babette
Brief von Babette von Blitz an ihre Kusine Dorette Duck,
19. Juli 1955
Liebe Dorette,
es ist herrlich hier. Urwald, wohin das Auge blickt, aber dank Bertholds Geschick im Umgang mit wilden Tieren schrecken mich weder Jaguare noch Anakondas. Allein die Indios sind nicht ohne. Es gibt hier so manchen noch gar nicht zivilisierten Stamm, und schon die Götzenbilder, deren Fotos einzelne Forscher aus dem Dschungel mitgebracht haben, lassen einem das Blut in den Adern gefrieren. Eine der hiesigen Gottheiten hört auf den Namen Bru und ist der Gott der Finsternis. Du wirst Dir vorstellen können, wie ein höheres Wesen aussieht, das sein Dasein gewöhnlich im Dunkeln fristet. Andere dagegen sind überaus putzig: etwa Chu, der Gott der Lebensfreude. Seine Standbilder sehen uns übrigens sehr ähnlich, er könnte glatt ein Verwandter von uns sein. Leider weiß man nicht, welches der beiden Idole in den Augen der Eingeborenen über größere Macht verfügt, denn die Ethnologen, die sich bis zu den Indios durchgeschlagen haben, haben nichts mehr von sich hören lassen. Ob zur Lebensfreude à la Hondurica das Verspeisen von Weißen gehört?
Unser Wohnort heißt Chichinango, und hier gehört alles einem gewissen Don Pedro, mit dem wir uns schon locker angefreundet haben. Sein Reichtum ist nicht ganz dem von Dagobert gemäß, aber Privathubschrauber sind schon ein schöner Luxus in einem Land, wo jeder Lokführer für ein paar Peso mehr sämtliche Vorschriften vergißt. Laßt Euch dadurch aber trotzdem nicht abhalten, über eine Reise hierher nachzudenken, denn die Schiffahrt ist unkompliziert, und wenn wir uns endlich ein Auto haben leisten können, fahren wir einfach zu dem Hafen, wo Ihr landet. Darauf hofft inständig
Deine Babette
Telegramm von Babette von Blitz an ihren Neffen Bodo,
14. Februar 1958
Bodo, habe von der guten Billroth furchtbar Peinliches über Dich gehört. Sag, daß das nicht wahr ist. Oder schäm Dich! Tante Babette
Postkarte von Babette von Blitz an ihren Neffen Donald,
14. Dezember 1958
Lieber Donald,
wir sind mittlerweile nach Brasilien umgezogen, und so ergehen meine Wünsche zum Weihnachtsfest diesmal aus der südlichen Hemisphäre. Ich hoffe, allen geht es gut, und Tick, Trick und Track sind nicht ganz so strapaziös, wie man es nach Deinen letzten Zeilen befürchten muß (wobei, das sei Dir nicht verschwiegen, Dorette immer nur in höchsten Tönen von den Drillingen schwärmt). Bleibt gesund und schreibt häufiger. Das wünscht sich
Deine Tante Betti.
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